BadgesEndokrinologie und Diabetologie

Labordiagnostik (Diabetes mellitus)

Herausgeber*innen
Sven Diederich, Joachim Feldkamp, Martin Grußendorf, Martin Reincke

Autor*innen
Knut Mai

Letzte Änderung
06.01.2026

Steckbrief

Zur Evaluation der diabetischen Stoffwechsellage werden Blutglukose und HbA1c gemessen. Hierbei existiert seit einigen Jahren eine zunehmende Standardisierung der Messmethoden, was zu vergleichbaren Ergebnissen zwischen den verschiedenen Analysemethoden geführt hat. Die Messung von Insulin als Parameter zur Evaluation der Insulinsensitivität erfolgt allerdings weiterhin mittels verschiedener Immunoassays, wobei hier aktuell aufgrund noch zu optimierender Standardisierung keine gute Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Messmethoden existiert. Autoimmunantikörper wie GAD65A (Autoantikörper gegen Glutamatdekarboxylase), IA-2A (Autoantikörper gegen Tyrosinphosphatase IA 2), IAA (Autoantikörper gegen Insulin) und ZnT8A (Autoantikörper gegen Zink Transporter-8) dienen vor allem zur Differenzierung des Diabetes mellitus Typ 1 und LADA. Zur Einschätzung einer diabetischen Nephropathie wird der Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin bestimmt. Das kardiovaskuläre Risiko kann zudem mittels additiver Evaluation des Lipidstatus und des C-reaktiven Proteins (CRP) näher eingeschätzt werden.

 

Definition

  • Die akute Plasmaglukosebestimmung liefert Informationen über den aktuellen Blutzuckerspiegel.
    • Zur Langzeitevaluation der Blutzuckereinstellung ist sie jedoch weniger geeignet.
    • Die Bestimmung des HbA1c (und ggf. des Fruktosamins) erlaubt eine Einschätzung der längerfristigen Glukosestoffwechsellage (2–3 Monate bzw. 2–3 Wochen).
  • Zur Einschätzung der Insulinsensitivität kann der HOMA-IR (HOMA: Homeostasis Model Assessment, IR: Insulinresistenz) bestimmt werden. Dieser lässt sich aus der Nüchternglukose und dem Nüchterninsulin errechnen.
  • Niedrige Insulin- und C-Peptidspiegel bzw. ein unzureichender Insulinanstieg unter Glukosebelastung weisen auf einen Diabetes mellitus Typ 1 hin. Dazu passend finden sich hier gehäuft auch positive Titer für GAD65A, IA-2A, IAA (Insulinautoantikörper), ICA (Autoantikörper gegen zytoplasmatische Inselzellantikörper) oder ZnT8A (Autoantikörper gegen Zinktransporter 8).

Einordnung der Methode im Vergleich zu weiteren Methoden

Die Bestimmung der Blutglukose kann sowohl im Vollblut als auch im Plasma erfolgen. Zur Vergleichbarkeit der verschiedenen Materialien wird eine Kalibration der Messwerte empfohlen (siehe Kapitel Personal, Material und Einstelltechnik). Die neue Standardisierung der Analyse des HbA1c ermöglicht mittlerweile eine internationale Vergleichbarkeit der verschiedenen Labore und Messmethoden.

Indikationen

  • Blutglukosespiegel: Sie repräsentieren eine Momentaufnahme und sind daher für eine Kontrolle und Optimierung der antidiabetischen Therapie eher bei wiederholter Messung geeignet.
    • Daneben dient die Messung der Blutglukose zur Diabetesdiagnostik im Rahmen eines oralen Glukosetoleranztests (oGTT) und zur intensivmedizinischen Überwachung bei parenteralen Ernährungstherapien.
  • HbA1c: zur Langzeitevaluation der Blutzuckereinstellung
    • Der Anteil an glykiertem Hämoglobin (HbA1c) ist ein Maß für die mittleren Blutzuckerspiegel.
    • Daher hat ein hoher Anteil an Hypoglykämien einen senkenden Effekt, wodurch bei schlechter Blutzuckereinstellung auch hohe Glukosewerte maskiert werden können.
    • Seit einigen Jahren kann der HbA1c aber auch zur Diagnosestellung genutzt werden.
    • Der Fruktosaminwert (bezeichnet Ketoamine, die durch nicht enzymatische Glykierung von Serumproteinen [meist Albumin und IgG]) entstehen) wird nur selten genutzt (z.B. bei Hämoglobinvarianten oder diskrepanten Befunden). Je nach Fruktosaminwert kann hier eine sehr gute (<285µmol/l), gute (285–320µmol/l), ausreichende (320–350µmol/l), mäßige (350–370µmol/l) und ungenügende (>370µmol/l) Einstellung unterschieden werden.
  • Insulin und C-Peptid: bei erhöhter Glukose oder nach Glukagonstimulation zur Diagnostik eines Diabetes Typ 1 bzw. bei länger bestehendem Diabetes Typ 2 zur Bestimmung der funktionellen Reserve der Betazellen
    • Nüchterninsulinbestimmung zur Kalkulation des HOMA-IR als einfaches Maß der (vor allem hepatischen) Insulinresistenz
  • Autoantikörper: Positive Titer für GAD65A, IA-2A, IAA oder ZnT8A sind typische Befunde beim Diabetes Typ 1. Allerdings können diese partiell auch vorübergehend in der Normalbevölkerung auftreten.
    • Bei Patienten mit Diabetes Typ 1 finden sich GAD65A bei ca. 70–80%, IA-2A bei ca. 50–85% und ZnT8A bei ca. 50-80%. Die IAA sind sehr variabel und altersabhängig mit einer hohen Prävalenz im Kindesalter. Die gemeinsame Bestimmung von GAD65A und IA-2A hat hinsichtlich der Diagnosestellung eines Diabetes Typ 1 eine Sensitivität von 80–90%. Die Bestimmung der Autoantikörper GAD65A, IA-2A, ZnT8A und IAA ist aktuell nur zur Sicherung der Diagnose Typ 1 Diabetes oder LADA indiziert.
  • Ketonkörper: Erhöhte Ketonkörper im Spontanurin und 3-Hydroxybutyrat-Spiegel (steht im Gleichgewicht mit dem flüchtigen Azetoazetat) im Plasma sprechen bei Hyperglykämie für eine Entgleisung bei Insulinmangel bei Diabetes Typ 1.
    • Eine Messung der Ketonkörper ist ab einem Blutzucker von >250 mg/dl sinnvoll, um eine Ketoazidose auszuschließen.
  • Die Bestimmung des Albumin-Kreatinin-Quotienten (uACR) im Urin (Normwert <30mg/g Kreatinin), von Lipidparametern, und ggf. des hsCRP und der AGEs (Advanced Glycation End Products) in der Haut liefert ergänzende Informationen bzgl. diabetischer Nephropathie oder kardiovaskulärem Risiko.

Merke

Die Bestimmung des HbA1c kann sowohl im Rahmen der Diagnostik als auch zur Therapiekontrolle eingesetzt werden.

Kontraindikationen

  • Glukagontest: gleichzeitiger Verdacht auf ein Phäochromozytom, Postagressionsstoffwechsel, dekompensierte diabetische Stoffwechsellage
  • oGTT: bekannter Diabetes mellitus, aktuell bestehende akute Erkrankung mit Stresshormonaktivierung, Postagressionsstoffwechsel

Aufklärung und spezielle Risiken

  • Glukagontest: hypertensive Krise, starke Übelkeit
  • oGTT: Späthypoglykämien (vor allem bei prädiabetischer Stoffwechsellage)

Personal, Material und Einstelltechnik

  • Die Glukosebestimmung kann sowohl im Vollblut als auch im Plasma (11% höher als im Vollblut) und Urin erfolgen.
    • Zur Vergleichbarkeit der verschiedenen Materialien wird eine Plasmakalibration der Messwerte empfohlen (Vollblutwert × 1,11).
    • Zudem ist die Glukose im Vollblut bei Raumtemperatur weniger als 1h stabil (Tab. 10.2). Die Messwerte sinken durch die weiter ablaufende Glykolyse um ca. 10–15% pro Stunde. Daher ist der Zusatz von Glykolyseinhibitoren (Natriumfluorid, ggf. weiterer Zusatz von Zitrat) dringend anzuraten.
  • Für die patientennahe Sofortdiagnostik der Blutglukosemessung (Point-of-Care-Testing: POCT) wird in der Regel Kapillarblut eingesetzt, seltener auch Vollblut. Aber auch hier findet zunehmend eine Kalibration auf Plasmaglukosewerte Verwendung.
    • Alternativ sind in Tab. 10.2 die jeweiligen Referenzwerte für die verschiedenen Probenmaterialien dargestellt. Zudem bestehen im Rahmen des Gestationsdiabetes abweichende Grenzwerte (Tab. 10.3).
  • Die Bestimmung des HbA1c erfolgt im Vollblut, wobei in der Regel EDTA als Antikoagulans verwendet wird (Tab. 10.4).
  • Die Bestimmung von Insulin und C-Peptid (Serum oder [Heparin-/EDTA-] Plasma) erfolgt mittels spezifischer Immunoassays (ELISA, ECLIA, FIA).
  • Die Autoantikörperbestimmung erfolgt im Serum oder Plasma in der Regel mittels verschiedener ELISA.
  • Die Analyse des uACR erfolgt im Spontanurin oder ggf. im 24-h-Sammelurin.
Merke

Bei der Interpretation der Glukosewerte ist die Berücksichtigung der Präanalytik ein wichtiger Faktor.

Tab. 10.2 Diagnostische Kriterien des Diabetes mellitus in Abhängigkeit vom Probenmaterial.

Untersuchungsmaterial

Vollblut (mg/dl, mmol/l)

Plasma (mg/dl, mmol/l)

venös

kapillär

venös

kapillär

Normalbefund –

nüchtern

<90

<5,0

<90

<5,0

<100

<5,6

<100

<5,6

Normalbefund –

2-h-Glukose im oGTT

<120

<6,7

<140

<7,8

<140

<7,8

<160

<8,9

abnorme Nüchternglukose

≥90 bis <110

≥5,0 bis <6,1

≥90 bis <110

≥5,0 bis <6,1

≥100 bis <126

≥5,6 bis <7,0

≥100 bis <126

≥5,6 bis <7,0

gestörte Glukosetoleranz –

2-h-Glukose im oGTT

≥120 bis <180

≥6,7 bis <10,0

≥140 bis <200

≥7,8 bis <11,1

≥140 bis <200

≥7,8 bis <11,1

≥160 bis < 220

≥8,9 bis <12,2

manifester Diabetes

nüchtern

≥110

≥6,1

≥110

≥6,1

≥126

≥7,0

≥126

≥7,0

manifester Diabetes

2-h-Glukose im oGTT

≥180

≥10,0

≥200

≥11,1

≥200

≥11,1

≥220

≥12,2

Tab. 10.3 Diagnostische Kriterien des Gestationsdiabetes (≥1 pathologischer Befund).

Untersuchungsmaterial

venöses Plasma (mg/dl, mmol/l)

Normalbefund –

nüchtern

<92

<5,1

Normalbefund –

1-h-Glukose im oGTT

<180

<10,0

Normalbefund –

2-h-Glukose im oGTT

<153

<8,5

Tab. 10.4 Biologische Stabilität verschiedener Parameter in Abhängigkeit von Untersuchungsmaterial und Lagerung [2].

Untersuchungsmaterial

Vollblut

Serum/Plasma

Lagerungstemperatur
RT
4–8°C
–20°C
RT
4–8°C
–20°C

Glukose

<1h

12h

Hämolyse

2d

7d

1 Mon

HbA1c

3d

7d

6 Mon

Insulin

15min

1d

6d

6 Mon

C-Peptid

6h

5h

5d

2 Mon

3-Hydroxybutyrat

bis 4h

bis 48h

GAD65-/IA-2-Antikörper

<1d

3d

6 Mon

Durchführung

  • Für die Messung der Blutzuckerspiegel werden am häufigsten die Hexokinase- oder Glukoseoxidase-Methode (enzymatische Umsetzung der Glukose) angewendet.
  • Im Rahmen der Standardisierung der HbA1c-Analyse durch das National Glycohemoglobin Standardization Program (NGSP) (Angaben in %) und die International Federation for Clinical Chemistry (IFCC) (Angaben in mmol/mol) wurde u.a. eine neue Referenzpräparation für HbA1c und als Referenzverfahren die HPLC, gekoppelt an LC-MS/MS, vereinbart.
    • An diesen Ergebnissen werden alle anderen Methoden zertifiziert.
    • Für die einfache Umrechnung ergibt sich näherungsweise: HbA1c (neu) mmol/mol : 10 + 2 = HbA1c (alt) % (exakt: HbA1c (neu) mmol/mol : 10,929 + 2,15 = HbA1c (alt) %)
    • HbA1c-Bestimmung ist auch mittels POCT-Messung möglich (mit der IFCC-Referenzmethode abgeglichene Methoden [immunologisch, enzymatisch, Affinitätschromatografie und Kapillarelektrophorese]).
  • Bestimmung von Fruktosamin (Plasma/Serum): Farbumschlagsmessung nach nicht enzymatischer Reaktion der Ketoamine mit Nitrotetrazolinblau, immunologisch oder enzymatisch
  • Die Bestimmung der Albuminurie erfolgt semiquantitativ (Teststreifen) oder quantitativ (Immun-Nephelometrie und Immun-Turbidimetrie).
  • nach 3-tägiger kohlenhydratreicher Ernährung und 8-stündigem Fasten:
    • oGTT: Nüchternglukosebestimmung, anschließend orale Zufuhr von 75g Glukose (<10 Minuten), Glukosebestimmung nach 2h (ggf. öfter und zusätzlich Insulin)
    • Glukagontest: Bestimmung von Glukose, Insulin und C-Peptid vor sowie 6min nach i.v.-Injektion (Bolus langsam) von 1mg Glukagon verdünnt in 10ml 0,9% NaCl

Mögliche Komplikationen

  • Einflussfaktoren auf die Analyse:
    • falsch hohe HbA1c-Werte: verlängerte Erythrozytenüberlebenszeit, Urämie, Hyperbilirubinämie, chronische Niereninsuffizienz
    • falsch niedrige HbA1c-Werte: Hämoglobinopathien, verkürzte Erythrozytenüberlebenszeit, hämolytischen Anämien, Lebererkrankungen
    • falsch niedrige Insulinwerte: Hämolyse
    • falsch hohe Insulinwerte: Nieren- und Leberfunktionsstörungen
    • Erhöhung der uACR: fieberhafte Infekte, körperliche Belastung, deutliche Hyperglykämie, Hämaturie, Herzinsuffizienz.

Synonyme

  • Laboruntersuchungen

Keywords

  • Labor, Diagnostik
  • Glukose
  • oGTT
  • HbA1c
  • Antikörper
  • Analytik

Literatur

 

Literatur zur weiteren Vertiefung
  • [1] Gambino R, Piscitelli J, Ackattupathil T et al. Acidification of Blood is Superior to Sodium Fluoride Alone as an Inhibitor of Glycolysis. Clin Chem 2009; 55: 1019–1021
    Suche in: PubMed Google Scholar
  • [2] Guder WG, Nolte J. Das Laborbuch für Klinik und Praxis. 2. Aufl. München: Elsevier, Urban und Fischer; 2009
    Suche in: PubMed Google Scholar
  • [3] Rettig I, Schleicher E. Labormethoden bei Diabetes mellitus. Diabetologie und Stoffwechsel 2012; 7: R1–R16
    Suche in: PubMed Google Scholar
  • [4] Thaler M, Roos M, Petersmann A et al. Auto-Antikörper-Diagnostik in der Diabetologie – Aktueller Stand der Analytik und klinische Anwendung in Deutschland. Diabetologie. Stuttgart: Thieme; 2022 DOI http://dx.doi.org/10.1055/a-1744-2856
    Suche in: PubMed Google Scholar

 

eRef-Link: https://eref.thieme.de/referenz/referenz_3164