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Wie gelingt Deprescribing?

Grant RW, Peterson I, McCloskey JM et al., 23. Juni 2025 - Deprescribing beschreibt das Ausschleichen, Reduzieren oder Absetzen von Medikamenten. Das ist für viele Senior*innen mit Typ-2-Diabetes bedeutsam: Der langfristige präventive Nutzen verliert an Relevanz und das kurzfristige Risiko durch Hypoglykämien mit konsekutiver Sturzgefahr, kognitivem Abbau und Verlust an Lebensqualität gewinnt an Bedeutung. Die Studiengruppe verglich 2 Strategien, die ein Deprescribing unterstützen sollten.
Aufgezogene Spritze, Tabletten und Stethoskop

Fazit

Die Studie hatte 3 Kernergebnisse: 1. Die individuell getroffene Entscheidung für eine reduzierte/modifizierte Anwendung von Insulin/Sulfonylharnstoffen steigerte das Komplikationsrisiko nicht. 2. Die in den Alltag integrierten ärztlichen Fortbildungen erhöhten die Deprescribing-Raten. 3. Der Erfolg von AD wurde durch die Einbeziehung und Vorbereitung der Behandelten signifikant verbessert. Grant et al. weisen darauf hin, dass die Effekte insgesamt moderat waren. Die individuelle Abwägung von Nutzen und Risiko sei sehr komplex und müsse den Allgemeinzustand, die Gesundheitsziele und die Präferenzen der Erkrankten einbeziehen.

Grundlage waren in beiden Pfaden wissenschaftliche Fortbildungen von Hausärzt*innen (Academic Detailing: AD). Diese fanden, geleitet von einer Endokrinologin, in 30- bis 45-minütigen Gruppensitzungen an normalen Werktagen statt und beinhalteten maßgeschneiderte, interaktive Zusammenfassungen der aktuellen Evidenz, Leitlinienempfehlungen und Fallbeispiele. Bei der zweiten Strategie wurden die Erkrankten stärker einbezogen. Vor dem Gespräch mit den Behandelnden erhielten sie per E-Mail ein 2-seitiges Handout in einfacher Sprache (ADplus). Auf Seite 1 standen Informationen zu Nutzen und Risiken der antidiabetischen Medikation. Seite 2 enthielt Fragen zur Interaktion mit den Behandlern und den persönlichen Einstellungen (z.B.: Meinen sie, dass der Diabetes zu viel mentale und körperliche Kraft kostet? Wie zuversichtlich sind sie, Antworten auf alle ihre Fragen zu bekommen?). Im Arm mit ausschließlich AD bekamen die Teilnehmenden Informationen zum Lebensstil, in denen die Medikation nicht erwähnt war.

Zu den Aufnahmekriterien gehörten Lebensalter ≥75 Jahre, Typ-2-Diabetes mit HbA1c ≤8% und Insulin/Sulfonylharnstoffe. Insgesamt 450 Personen (49,6% Frauen) waren durchschnittlich 79,9 Jahre alt. Das HbA1c betrug 6,2% und die Komorbidität war hoch. Die Behandlungen erfolgten durch ihre 211 Ärzt*innen, die an ≥1 Fortbildung teilnahmen. Endpunkte waren u.a. Reduktion/Absetzen/Switch von Antidiabetika und Hypoglykämien mit Hilfebedarf. ADplus hatte gegenüber AD signifikante Vorteile:

  • Deprescribing nach 6 Monaten 15,8% vs. 9,0% (p=0,01),

  • Deprescribing nach 12 Monaten 22,8% vs. 16,3% (p=0,04),

  • Hypoglykämien nach 6 Monaten 4,7% vs. 6,5% (ns) und

  • signifikant weniger Notfallbehandlungen.

 

Nach 6 und 12 Monaten bestanden keine wesentlichen Unterschiede der Hyperglykämien und HbA1c-Werte. 2 zusätzliche Kontrollgruppen mit Hausärzt*innen ohne Fortbildungen belegten den Nutzen des AD mit mehr geänderten Diabetesmedikationen.